Reich des Bösen
Kinostart 29. Januar 2009

Interview mit dem Regisseur
Mohammad Farokhmanesh

Wie sind Sie auf die Idee für die Dokumentation gekommen?
Als ich vor 15 Jahren nach Deutschland gekommen bin, haben mir die Leute Fragen gestellt, die mich doch sehr verwunderten. Ob es im Iran eigentlich Telefon gäbe, ob meine Eltern jeden Tag zum Beten in die Moschee gehen und so weiter. Darüber hinaus stellte ich fest, dass Leute, die mich nicht kannten, mich allein aufgrund meines Namens „Mohammad“ unterbewusst oder bewusst mit Radikalismus in Verbindung brachten oder sich gar abwertend äußerten. Auch wenn das teilweise in spaßhafter Form geschah, habe ich doch gemerkt, dass da ein Bild vom Iran entstanden ist, das schief hängt. Also habe ich mir die nicht ganz einfache Aufgabe gestellt, dieses Bild mit Hilfe eines Filmes wieder gerade zu rücken, ohne aber mich rechtfertigen zu müssen. Ich wollte dem westlichen Zuschauer also im Grunde nur ein klares, verständliches Bild von einer anderen, ihm fremden Kultur vermitteln.

Warum ist der Titel des Films “Reich des Bösen”? Was steht dafür?
Der Titel ist inspiriert von einem Begriff, den insbesondere George W. Bush, vor ihm aber auch schon Ronald Reagan, verwendet hat. Darin wird der Iran als Teil einer angeblichen „Achse des Bösen“ bezeichnet. Den Titel habe ich bewusst als Kontrast zu dem im Film gezeigten Alltagsleben einfacher Menschen im Iran gewählt. Mir ist wichtig zu zeigen, dass der Iran nicht nur aus seiner Regierung besteht, sondern aus 70 Millionen Menschen, mit ganz normalen Sorgen und Nöten. Diese Menschen sind unglücklicherweise Teil eines politischen Spiels, in dem plakative Begriffe verwendet werden und darunter leiden die Leute. Das schließt auch meine Familie ein, die noch im Iran lebt, als auch viele Iraner, die sich im Ausland aufhalten.

Wie haben Sie die Protagonisten ausgewählt?
Ganz unterschiedlich. Insgesamt habe ich mit über 500 Leuten gesprochen, bis ich mich für die fünf entschieden habe, die im Film zu sehen sind. Ich wollte vier Protagonisten aus den für mich wichtigsten Bereichen Religion, Kunst und Sport mit dabei haben und zusätzlich ein Kind, das einen unschuldigen Blick auf die Gesellschaft hat und noch nicht von ihr geprägt wurde. Generell war es sehr schwierig überhaupt Leute zu finden, die gewillt waren, vor eine Kamera zu treten und gleichzeitig interessant genug waren. Viele hatten Angst, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wie der Film am Ende aussehen würde und auch vor eventuellen Konsequenzen.
Um das kleine Mädchen zu finden, haben wir zahlreiche Kindergärten in Teheran kontaktiert und genau beschrieben, was wir suchen. Fast 50 Eltern und ihre Kinder haben sich dabei gemeldet. Einiges lief auch über persönliche Bekanntschaften. Ich hatte ein Team vor Ort, dass sich in der Vorbereitungsphase nur mit der Suche nach geeigneten Protagonisten befasst und mir einen randvollen Terminkalender beschert hat.

Im Film sieht man ein “böses” Land. Ein Land, welches in der Weltpolitik immer sehr stark diskutiert wird, aber auch Menschen mit Empfindungen
zeigt. Wollten Sie damit eine bestimmte Botschaft transportieren?
Der Film hat mit Sicherheit eine Botschaft, aber das ist nichts, was ich explizit vermitteln wollte. Ich habe lediglich versucht, ein klares realistisches Bild zu zeigen und wollte mich vor allem nicht politisch, sondern auf einer menschlichen Ebene mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es wäre wünschenswert, wenn der Film den Horizont des westlichen Publikums erweitert. Niemand sollte kritiklos annehmen, was in den Schlagzeilen steht, sondern genauer hinschauen. Dass es auch viele Probleme im Iran gibt, ist bekannt und wird in meinem Film auch nicht verschwiegen.

Gab es Schwierigkeiten beim Dreh? Wenn ja, welche genau?
Schwierig war es, den offiziellen Stellen zu vermitteln, dass es sich hier nicht um einen „Anti-Iran-Film“ handelt. Das war wichtig, um überhaupt Genehmigungen zu bekommen. Jede etwas außergewöhnliche Location war auch ein neuer Kampf um eine Drehgenehmigung. Leider haben wir nicht alles bekommen, was wir wollten, aber zum Großteil hat es geklappt. Das größte Problem war, den Beteiligten die Angst zu nehmen.

Glauben Sie, der Film hat Chancen, auch im Iran gezeigt zu werden?
Der Film ist nicht unbedingt für ein iranisches bzw. ein im Iran lebendes Publikum konzipiert, sondern für ein westliches Publikum. Bislang habe ich den Film nur bei einem Festival im Iran angemeldet, aber dort wurde der Film ohne Begründung abgelehnt. Im Februar 2009 werde ich zum Fajr Festival nach Teheran fahren, dem wichtigsten Festival des Landes. Dort werde ich versuchen, die richtigen Leute zu überzeugen, damit der Film auch in meiner Heimat gezeigt werden kann – wenn auch nur mit begrenzter Reichweite.

Wie fielen die bisherigen Reaktionen auf den Film aus?
Sehr positiv. Zum ersten Mal habe ich erlebt, dass sich Zuschauer bei mir als Produzent und Regisseur für meinen Film bedanken. In erster Linie kam dieser Dank von deutschen bzw. westlichen Zuschauern, da ihnen mein Film Bilder und Informationen lieferte, die sie so noch nicht kannten. Aber auch im Ausland lebende Iraner fanden es spannend, ihr Land aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Viele nahmen ihre deutschen oder europäischen Freunde in die Vorstellungen mit, weil sie sich in ihrem Umfeld genauso gefühlt haben wie ich. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass beide Vorstellungen auf dem Filmfest Hamburg, wo der Film seine Weltpremiere feierte, ausverkauft waren. Und natürlich ist es ein Zeichen der Anerkennung, dass der Film nicht nur den Gerd Ruge Preis erhalten hat, sondern auf einem der bedeutendsten Doku-Festivals, dem IDFA in Amsterdam, im Wettbewerb gelaufen ist. Meines Wissens ist er auch der erste Dokumentarfilm über den Iran, der in Deutschland ins Kino kommt.

Was denken Sie persönlich zu der heutigen politischen Lage im Iran?
Der Iran hat wie jedes Land politisch gesehen seine Höhen und Tiefen, sowohl innen- als auch außenpolitisch. Durch die neuen Medien werden die Menschen im Iran allerdings immer mehr über sich selbst und die Welt bewusst. Das hat Auswirkungen auf die Regierung und die Machthaber, die zum großen Teil verstanden haben, dass sich der Iran in der Weltpolitik nicht isolieren darf, sich auf die Welt einstellen und sich weiterentwickeln muss. Um das zu erreichen muss das Land weder seine Kultur noch seine Religion ablegen. Meiner Ansicht gibt es nur einen Weg - sowohl von iranischer Seite, als auch von westlicher Seite: konstruktiv miteinander umgehen.
Die Geschichte hat uns gezeigt, dass kein Land sich je durch eine kriegerische Auseinandersetzung politisch oder menschenrechtlich weiterentwickelt hat. Das gelingt nur im Frieden.


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