Wie sind Sie auf die Idee für die Dokumentation gekommen?
Als ich vor 15 Jahren nach Deutschland gekommen bin, haben mir die Leute
Fragen gestellt, die mich doch sehr verwunderten. Ob es im Iran eigentlich
Telefon gäbe, ob meine Eltern jeden Tag zum Beten in die Moschee gehen und so
weiter. Darüber hinaus stellte ich fest, dass Leute, die mich nicht kannten, mich
allein aufgrund meines Namens „Mohammad“ unterbewusst oder bewusst mit
Radikalismus in Verbindung brachten oder sich gar abwertend äußerten.
Auch wenn das teilweise in spaßhafter Form geschah, habe ich doch gemerkt,
dass da ein Bild vom Iran entstanden ist, das schief hängt. Also habe ich mir die
nicht ganz einfache Aufgabe gestellt, dieses Bild mit Hilfe eines Filmes wieder
gerade zu rücken, ohne aber mich rechtfertigen zu müssen. Ich wollte dem
westlichen Zuschauer also im Grunde nur ein klares, verständliches Bild von
einer anderen, ihm fremden Kultur vermitteln.
Warum ist der Titel des Films “Reich des Bösen”? Was steht dafür?
Der Titel ist inspiriert von einem Begriff, den insbesondere George W. Bush, vor
ihm aber auch schon Ronald Reagan, verwendet hat. Darin wird der Iran als Teil
einer angeblichen „Achse des Bösen“ bezeichnet.
Den Titel habe ich bewusst als Kontrast zu dem im Film gezeigten Alltagsleben
einfacher Menschen im Iran gewählt. Mir ist wichtig zu zeigen, dass der Iran
nicht nur aus seiner Regierung besteht, sondern aus 70 Millionen Menschen, mit
ganz normalen Sorgen und Nöten. Diese Menschen sind unglücklicherweise Teil
eines politischen Spiels, in dem plakative Begriffe verwendet werden und
darunter leiden die Leute. Das schließt auch meine Familie ein, die noch im Iran
lebt, als auch viele Iraner, die sich im Ausland aufhalten.
Wie haben Sie die Protagonisten ausgewählt?
Ganz unterschiedlich. Insgesamt habe ich mit über 500 Leuten gesprochen, bis
ich mich für die fünf entschieden habe, die im Film zu sehen sind. Ich wollte vier Protagonisten aus den für mich wichtigsten Bereichen Religion,
Kunst und Sport mit dabei haben und zusätzlich ein Kind, das einen unschuldigen
Blick auf die Gesellschaft hat und noch nicht von ihr geprägt wurde.
Generell war es sehr schwierig überhaupt Leute zu finden, die gewillt waren, vor
eine Kamera zu treten und gleichzeitig interessant genug waren. Viele hatten
Angst, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wie der Film am Ende aussehen
würde und auch vor eventuellen Konsequenzen.
Um das kleine Mädchen zu finden, haben wir zahlreiche Kindergärten in Teheran
kontaktiert und genau beschrieben, was wir suchen. Fast 50 Eltern und ihre
Kinder haben sich dabei gemeldet. Einiges lief auch über persönliche
Bekanntschaften. Ich hatte ein Team vor Ort, dass sich in der
Vorbereitungsphase nur mit der Suche nach geeigneten Protagonisten befasst
und mir einen randvollen Terminkalender beschert hat.
Im Film sieht man ein “böses” Land. Ein Land, welches in der Weltpolitik immer sehr stark diskutiert wird, aber auch Menschen mit Empfindungen
zeigt. Wollten Sie damit eine bestimmte Botschaft transportieren?
Der Film hat mit Sicherheit eine Botschaft, aber das ist nichts, was ich explizit
vermitteln wollte. Ich habe lediglich versucht, ein klares realistisches Bild zu
zeigen und wollte mich vor allem nicht politisch, sondern auf einer menschlichen
Ebene mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Es wäre wünschenswert, wenn der Film den Horizont des westlichen Publikums
erweitert.
Niemand sollte kritiklos annehmen, was in den Schlagzeilen steht, sondern
genauer hinschauen. Dass es auch viele Probleme im Iran gibt, ist bekannt und
wird in meinem Film auch nicht verschwiegen.
Gab es Schwierigkeiten beim Dreh? Wenn ja, welche genau?
Schwierig war es, den offiziellen Stellen zu vermitteln, dass es sich hier nicht um
einen „Anti-Iran-Film“ handelt. Das war wichtig, um überhaupt Genehmigungen
zu bekommen. Jede etwas außergewöhnliche Location war auch ein neuer Kampf
um eine Drehgenehmigung. Leider haben wir nicht alles bekommen, was wir wollten, aber zum Großteil hat es geklappt. Das größte Problem war, den
Beteiligten die Angst zu nehmen.
Glauben Sie, der Film hat Chancen, auch im Iran gezeigt zu werden?
Der Film ist nicht unbedingt für ein iranisches bzw. ein im Iran lebendes
Publikum konzipiert, sondern für ein westliches Publikum.
Bislang habe ich den Film nur bei einem Festival im Iran angemeldet, aber dort
wurde der Film ohne Begründung abgelehnt.
Im Februar 2009 werde ich zum Fajr Festival nach Teheran fahren, dem
wichtigsten Festival des Landes. Dort werde ich versuchen, die richtigen Leute zu überzeugen, damit der Film auch in meiner Heimat gezeigt werden kann – wenn
auch nur mit begrenzter Reichweite.
Wie fielen die bisherigen Reaktionen auf den Film aus?
Sehr positiv. Zum ersten Mal habe ich erlebt, dass sich Zuschauer bei mir als
Produzent und Regisseur für meinen Film bedanken. In erster Linie kam dieser
Dank von deutschen bzw. westlichen Zuschauern, da ihnen mein Film Bilder und
Informationen lieferte, die sie so noch nicht kannten. Aber auch im Ausland
lebende Iraner fanden es spannend, ihr Land aus diesem Blickwinkel zu
betrachten. Viele nahmen ihre deutschen oder europäischen Freunde in die
Vorstellungen mit, weil sie sich in ihrem Umfeld genauso gefühlt haben wie ich.
Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass beide Vorstellungen auf dem Filmfest
Hamburg, wo der Film seine Weltpremiere feierte, ausverkauft waren. Und
natürlich ist es ein Zeichen der Anerkennung, dass der Film nicht nur den Gerd
Ruge Preis erhalten hat, sondern auf einem der bedeutendsten Doku-Festivals,
dem IDFA in Amsterdam, im Wettbewerb gelaufen ist.
Meines Wissens ist er auch der erste Dokumentarfilm über den Iran, der in
Deutschland ins Kino kommt.
Was denken Sie persönlich zu der heutigen politischen Lage im Iran?
Der Iran hat wie jedes Land politisch gesehen seine Höhen und Tiefen, sowohl
innen- als auch außenpolitisch. Durch die neuen Medien werden die Menschen im Iran allerdings immer mehr über sich selbst und die Welt bewusst. Das hat Auswirkungen auf die Regierung
und die Machthaber, die zum großen Teil verstanden haben, dass sich der Iran in
der Weltpolitik nicht isolieren darf, sich auf die Welt einstellen und sich
weiterentwickeln muss. Um das zu erreichen muss das Land weder seine Kultur
noch seine Religion ablegen.
Meiner Ansicht gibt es nur einen Weg - sowohl von iranischer Seite, als auch von
westlicher Seite: konstruktiv miteinander umgehen.
Die Geschichte hat uns gezeigt, dass kein Land sich je durch eine kriegerische
Auseinandersetzung politisch oder menschenrechtlich weiterentwickelt hat. Das
gelingt nur im Frieden.